(griech. katholikos = allumfassend, apostolos = Apostel) oder Irvingianer (nach Edward Irving; s.u.):
Aus einer Erweckungsbewegung im 19. Jahrhundert hervorgegangene Kirchengründung mit der Betonung von "Geistesgaben" und der Ernennung neuer "Apostel". Aus einer Abspaltung (Geyerianer) aus der Katholisch-Apostolische Kirche ist die Neuapostolische Kirche hervorgegangen. Die Katholisch-Apostolische Kirche möchte allerdings mit der von ihr als Sekte gesehenen Neuapostolischen Kirche nicht in Verbindung gebracht werden.
Worum handelt es sich bei der Katholisch-Apostolische Kirche? Ihre Geschichte begann in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem Hervortreten vergessener Charismata (Gnadengaben, Geistesgaben). 1820/21 gab ein Geistlicher der anglikanischen Kirche zwei Schriften heraus, die zu Gebetsversammlungen an einem bestimmten Tag der Woche für eine besondere Ausgießung des Heiligen Geistes aufriefen. Man erstrebte also eine Art "charismatische Erneuerung". Der Verfasser hieß James Haldane Stewart (1776-1854), und seine Schriften waren wohl die Auslöser für viele der nachfolgenden Ereignisse. Die erste Schrift trug den Titel "Hints for a general union for prayer for the outpouring of the Holy Ghost" ("Hilfeleistungen für eine Generalvereinigung zum Gebet für das Ausschütten des Heiligen Geistes"). 1820 veröffentlicht, erreichte diese Schrift in vier Jahren in England, Schottland und Irland 322.000 Exemplare Auflage. Die weitere Schrift von ihm "Thoughts on the Importance of special Prayer for the general outpouring of the Holy Ghost" ("Gedanken über die Bedeutung des speziellen Gebetes für die allgemeine Ausschüttung des Heiligen Geistes") erschien erstmals 1821 mit einer etwas geringeren Auflage von 89.000 Exemplaren in den Folgejahren. Viele Menschen haben diese Schriften gelesen und wurden dadurch zu Gebetsversammlungen veranlasst, um eine neue Ausschüttung des Heiligen Geistes und der Geistesgaben zu erbitten. Diese Gebete wurden sehr bald erhört. Bereits in den Zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts kam es an drei Hauptschauplätzen zu "Geistesaufbrüchen", und zwar mit den Gaben der Prophetie, Weissagung, Glossolalie (Zungenreden) und Krankenheilung. Der erste Hauptschauplatz war seit 1828 die kleine römisch-katholische Gemeinde Karlshuld auf dem Donaumoos in Bayern/Deutschland. Der zweite lag seit 1830 im westlichen Schottland, im Kreis reformierter Christen, der dritte in London ab 1831, wo häusliche Gebetsversammlungen in anglikanischen Kreisen stattfanden.
Diese drei Wurzeln:
Karlshuld, Schottland und England mit Sitz in und bei London sind nachfolgend näher zu betrachten.
Was geschah zunächst in Karlshuld? Dort lebte der junge römisch-katholische Priester Johann Lutz. Dieser hatte ein starkes Erlebnis: Von seinen Sünden überwältigt und nahe am Abgrund der Verzweiflung, hatte er jahrelang mit Fasten, Beten und Wachen nach den Regeln der katholischen Kirche versucht, Licht und Trost zu finden. Aber es war alles umsonst gewesen, bis schließlich übernatürliche charismatische Phänomene (Zungenreden, Weissagung) in seiner Gemeinde auftraten. Es ist unwahrscheinlich, dass der Anstoß hierzu von England und Schottland kam. Wahrscheinlich wurde Lutz unabhängig davon mit den Geistesgaben konfrontiert. Man vermutet, dass es auch in Deutschland Parallelen in diese Richtung gab, unabhängig von den englischen Schriften Stewarts. Jedenfalls beteten immer mehr Menschen, von Lutz` Predigt angeregt, um diese besonderen Glaubenserfahrungen und Geistesausgießungen. 1828 wurden von verschiedenen Einzelpersonen Worte geäußert, die als "Worte der Weissagung" gedeutet wurden. Lutz glaubte daran, dass dies alles von Gott komme, nicht vom Teufel, und dass dies eine Wiederbelebung der urchristlichen Gaben des Geistes sei. In diesen Gesichten und Weissagungen wurde verlautbart, dass Gottes Gericht nahe sein, dass Christus bald kommen würde und dass er Botschafter schicken wolle.
"Der Herr sagte: 'Ich will Propheten und Apostel zu ihnen senden...'"
Diese Worte wurden oft wiederholt und hinterließen einen tiefen Eindruck auf Lutz und verschiedene Gemeindeglieder. Lutz kam erst 1842 durch den schottischen "Propheten" William Caird in persönlichen Kontakt mit den englischen Kreisen und wurde 1859 - nach seiner Exkommunikation aus der Römisch-Katholischen Kirche - zu einem Engel (Bischof) der Katholisch-Apostolische Kirche geweiht.
Die anderen "Aufbrüche" fanden in Schottland und England statt. Über den schottischen Aufbruch heisst es in der "Geschichte der Neuapostolischen Kirche" (S. 16):
"Ein einfacher Zimmermann in Schottland, Jakob Grubb, war es, durch den Gott sprach ..."
Durch seine Handauflegungen und Inspirationen kamen andere mit diesem Geist in Berührung. Jakob Grubb
"sprach vom Kommen des Herrn, und davon, dass er vorher noch eine besondere Arbeit in seiner Kirche verrichten wolle".
Er sprach
"von einem scheinenden Licht, das sie erleuchten würde, von einer Wolke, die wie eine Menschenhand aussähe und die anwachsen solle, um alles zu bedecken."
Nicht weit von der Hütte Grubbs entfernt lebte die Familie Campbell. Der Vater Campbell war ein Geistlicher und hatte zwei Töchter. Die ältere Tochter hieß Isabell. Diese wurde wie eine Heilige verehrt. Menschen pilgerten zu ihr hin. Es gab offensichtlich auch da schon besondere Gaben und Erscheinungen. Isabell ist allerdings früh an Tuberkulose verstorben. Der Geist und die Verehrung gingen dann auf ihre Schwester Mary über. Beide Mädchen hatten die "Gabe der Weissagung" besessen und Visionen und Gesichte gehabt, ebenso die schottische Familie MacDonald. In allen diesen Familien traten die Gaben der Weissagung, der Heilung und des Zungenredens auf. Sie sahen sich als vom Heiligen Geist erfüllt und inspiriert an ("Inspirierte").
Diese Ereignisse verursachten großes Aufsehen bis nach London. In der Nähe von London gab es seit 1826 die Albury-Konferenzen, benannt nach dem Schloss und Sitz des englischen Bankiers Henry Drummond. Dort hatte man auch schon um die Wiederbelebung der urchristlichen Geistesgaben gebetet. Um die Phänomene zu untersuchen, reisten Teilnehmer der Albury-Konferenzen nach Schottland und sagten danach:
"Hier sind die gleichen Gaben nach 1. Korinther 12 und 14 wie in der Urkirche - Glossolalie, Krankenheilungen und Weissagungen und ähnliches."
Alles das geschah wohlbemerkt fast ein Jahrhundert vor Beginn der Pfingstbewegung.
Welche "Prophezeiungen" gab es denn in Karlshuld und Schottland? Über die Ereignisse in Karlshuld im Jahre 1828 findet sich folgende Schilderung:
"Zwei Personen (ein Mann und eine Frau) bekamen prophetische Gaben, und folgende Punkte waren es vorzüglich, die sehr oft gesagt wurden: Der Herr wolle jetzt Seine Kirche wiederherstellen wie am Anfange: dieses Heiles und Segens werde Er Protestanten, Katholiken u. a. ohne Unterschied teilhaftig machen; Er werde wieder Apostel geben und Propheten, wie am Anfange...",
so in einem Brief von Lutz an den katholisch-apostolischen Professor Heinrich Thiersch in Marburg vom 3.2.1852. Über "Prophezeiungen" in Schottland berichtet R. Norton in seinem Buch "The Restoration of Apostles And Prophets" aus dem Jahre 1861 (S. 20 ff.):
"Die Zeit ist kurz. Die Zeit ist nahe. Gott kommt näher. Der gelobte Morgen kommt."
Und eine andere "Prophezeiung" lautete:
"Ich erinnere mich an das Rufen im Geist, 'Sende uns Apostel, - sende uns Apostel.'"
Die "Prophezeiungen" waren also ganz deutlich verbunden mit dem Ruf nach Aposteln, nach der Wiederherstellung der Urkirche in ihrer völligen Gestalt mit allen damaligen Ämtern.
Eine Schlüsselfigur der Anfangszeit ist der Theologe Edward Irving. Geboren am 4. August 1792 in Annan in der schottischen Grafschaft Dumfries, studierte er später an der Universität Edinburgh. Mit 18 Jahren wurde er Lehrer der Mathematik an einer Schule in Haddington, wo er bis 1819 blieb. Er wollte Missionar werden und wurde dann als Hilfsprediger von dem bekannten schottischen Verkündiger Thomas Chalmers nach Glasgow berufen. Dies geschah im Jahre 1819. In Glasgow allerdings konnte er noch nicht durchdringen, er hatte da wenig Erfolg. 1822 schließlich erfolgte seine Berufung nach London, die von dem Presbyterium der kleinen kaledonischen Kirche in Hatton Garden im Zentrum Londons ausging. Das war für den Dreißigjährigen ein großer Schritt. Irving besaß eine feurige Predigtgabe, konnte die Intellektuellen ansprechen und offenbarte neue Erkenntnisse, die er den Menschen vermitteln wollte. So hatte er bald Zulauf von höchsten Kreisen der Londoner Gesellschaft. Seine Kirche war meistens überfüllt. Deshalb hat seine spätere Amtsenthebung umso größeres Aufsehen verursacht. Man musste auf dem Regent Square 1827 extra für Irvings Gemeinde eine neue Kirche bauen. Der Gottesdienst dauerte selten unter zweieinhalb Stunden.
Irving hatte mit der Kirchenleitung bereits ab 1827 Probleme bekommen. Er war Mitglied der schottisch-presbyterianischen Kirche, die einen strengen Calvinismus vertrat. Seine Christologie sei häretisch (eine Irrlehre) , warf ihm seine Kirche vor. Im Oktober 1827 kam ein Mann in seine Sakristei und fragte ihn, "ob er in seiner Predigt den menschlichen Leib des Herrn als von sündlicher Substanz bezeichnet habe, ob er glaube, dass der Leib des Sohnes Gottes sterblich, verderbt und vergänglich, wie jeder Menschenleib, gewesen sei?" Und als er das bejaht hatte, erschien kurz darauf eine Schrift von eben diesem Mann namens Cole, der ihn öffentlich dieser Irrlehre beschuldigte. Irving musste antworten mit der Verteidigungsbroschüre "Christi Heiligkeit im Fleisch".
Irvings Christologie ist tatsächlich so beschaffen, dass er sehr stark die Menschlichkeit Jesu betont, kaum die Göttlichkeit. Er betrachtet Christus als Repräsentanten der Menschheit, der uns alle verkörpere. Christus sei nur deshalb Christus, weil in ihm der Geist Gottes wohne. Die >Geistestaufe mache ihn zu dem, der er sei - und diese könnten wir auch alle erlangen. Irvings Geistbegriff besagt, dass der Geist Gottes die menschliche Natur Christi erfüllt und ihn dadurch zu übernatürlichen Taten befähigt habe. Christus habe das vorweggenommen, was nun jeder Mensch erlangen könne, wenn auch nicht in der Vollkommenheit wie Christus. Irvings Christologie - so möchte ich an dieser Stelle anmerken - ist zwar nicht repräsentativ für die Christologie der Katholisch-Apostolische Kirche, auch nicht der Neuapostolischen Kirche und auch nicht der Pfingstbewegung, aber eine Schwerpunktverlagerung von der Bedeutung Jesu Christi auf die Bedeutung des Heiligen Geistes ist bei all diesen - in